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Vom Schilldenkmal zur Gedenkstätte Schillstraße

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1837 – 2012 Eine Dokumentation

Art.-Nr.: 978-3-925 268-43-4

Produktbeschreibung

Im Mittelalter galt das Vierteilen, verbunden mit dem Verscharren der Leichenteile, als schimpflichste Todesart, denn damit war dem Toten die Auferstehung am jüngsten Tag genommen. Dagegen sorgte im Normalfall die Familie für ein ehrenvolles Begräbnis. Sie feierte durch Errichtung eines Gedenksteins die Lebensleistung des Verstorbenen, bewahrte ihn vor dem Vergessen und pflegte sein Andenken. Da die Nähe zur Kirche besondere Heilskraft spendete, beerdigte man auf dem „Kirchhof“, noch besser: in der Nähe des Altars. Dieser Umgang mit Toten änderte sich in der Zeit der Aufklärung. Aus Gründen des Seuchenschutzes wurden die Kirchhöfe aufgegeben und durch „Friedhöfe“ am Stadtrand ersetzt. Eine Zeitlang beerdigte man sogar in anonymen Massengräbern. Schiller erging es so, Mozart ebenfalls. Denkmäler im öffentlichen Raum, die an Tote erinnerten, kannte man vor Beginn der napoleonischen Ära so gut wie nicht. Erst das Wachsen der Nationalstaaten veränderte dies. Schillers und Mozarts sterbliche Überreste wurden gesucht, aber wohl nie gefunden. Dennoch erhielt Schiller neben Goethe ein Ehrengrab in einen Mausoleum und Mozart ein Scheingrab in Wien. Beide wurden in den folgenden Jahrzehnten durch eine Reihe figürlicher Denkmäler geehrt.

Das Gedenken wurde zur öffentlichen Angelegenheit. Und mehr als das: Denkmäler wurden als Symbol der Kraft und Überlegenheit des eigenen Volkes gefeiert. Alle anerkannten Größen erhielten Ehrenmale im öffentlichen Raum. Und jeder Deutsche hatte sichtbar teil an dieser unvergleichlichen Nation. Zur selben Zeit errichteten die Zeitgenossen Denkmale, die an die Schrecken, Leiden und Toten der Franzosenzeit gemahnten. Sie sollten jedoch zugleich den besiegten und geschwächten Gegner demütigen. Das 1837 in Braunschweig entstandene Schilldenkmal war zunächst ein Totenmal, durch das verwendete Eiserne Kreuz und die vier aufrecht stehenden Kanonenrohre jedoch Siegeszeichen und Drohgeste.

Als die Bundeswehr 1955 einen zentralen Gedenkort für ihre Feiern am Volkstrauertag benötigte, fand folglich niemand etwas dabei, das fast vergessene Schilldenkmal zu einem zentralen Gedenkort „umzuwidmen“. Man sollte meinen, für die Opfer der braunen Schreckensherrschaft und als Mahnung für die Lebenden. Aber es sollte nach dem Willen der Bundeswehr und der Braunschweiger Stadtväter ein Gedenkort für die gefallenen und vermissten Soldaten des 2. Weltkriegs werden. Der Opfer des benachbarten KZ-Außenlagers (sein ursprünglicher Name: KZ-Außenlager Schilldenkmal) gedachte man nicht. Ihre Identität und ihr Andenken sollten ausgelöscht sein und bleiben. An das Verbrechen an ihnen zu erinnern, hätte bedeutet, sich der eigenen Vergangenheit stellen zu müssen. Ein Umdenken begann mit dem Auschwitz-Prozess und der Studentenbewegung Mitte der 60er Jahre. Doch erst als ein Teil der Braunschweiger Öffentlichkeit in den 90er Jahren gegen diese einseitig ausgerichteten Feiern am Schilldenkmal protestierte, erzwang sie von den Stadtvätern eine Neubewertung des historischen Ortes Schilldenkmal.

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Autor

Reinhard Bein